ADHS – Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung – ist mehr als nur eine Phase der Unruhe oder Zerstreutheit. Aus psychologischer Sicht handelt es sich um eine neurobiologische Entwicklungsstörung, die die Art beeinflusst, wie ein Kind denkt, fühlt und handelt. Doch wie erkennen wir, ob ein Kind einfach lebhaft und impulsiv ist – oder ob hinter dem Verhalten tatsächlich ADHS steht?
Oft beginnt es mit einem vagen Gefühl: Etwas scheint „anders“. Das Kind wirkt unaufmerksam, wechselt ständig von einer Aktivität zur nächsten, kann sich kaum auf eine Aufgabe konzentrieren. Es wirkt sprunghaft, als würde es seine Gedanken nicht sortieren können. In der Schule fällt es durch fehlende Ausdauer, Vergesslichkeit und Schwierigkeiten bei der Organisation auf. Gleichzeitig zeigen sich auch soziale Probleme – Konflikte mit Gleichaltrigen, impulsives Verhalten, das nicht böse gemeint ist, aber dennoch stört.
Ein zentrales Merkmal aus psychologischer Sicht ist, dass Kinder mit ADHS keine mangelnde Motivation oder Erziehung haben. Vielmehr ist ihr Gehirn anders strukturiert, insbesondere in Bereichen, die für Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Planung zuständig sind. Reize werden anders gefiltert, was bedeutet, dass sie schnell überfordert sind – nicht aus mangelndem Interesse, sondern weil zu viele Eindrücke gleichzeitig auf sie einströmen. Das Verhalten ist also nicht willentlich gesteuert, sondern Ausdruck einer grundlegenden Verarbeitungsbesonderheit.
Eltern und pädagogische Fachkräfte stehen oft vor der Herausforderung, zwischen Temperament, Entwicklungsverzögerung und tatsächlicher ADHS zu unterscheiden. Was ADHS besonders macht, ist die Tiefe und Dauer der Symptome sowie deren Auswirkungen auf mehrere Lebensbereiche. Wenn ein Kind über einen längeren Zeitraum hinweg in verschiedenen Kontexten – zu Hause, in der Schule, im sozialen Umfeld – Schwierigkeiten hat, kann dies ein Hinweis auf eine Aufmerksamkeitsstörung sein.
Doch ADHS hat viele Gesichter. Es gibt Kinder, die vor allem träumen, die still und unauffällig wirken, aber innerlich mit der gleichen Unruhe kämpfen. Sie fallen weniger auf, leiden aber oft ebenso stark unter ihrer Schwierigkeit, sich zu fokussieren. Auch emotionale Ausbrüche, geringe Frustrationstoleranz und ein ausgeprägtes Bedürfnis nach sofortiger Bedürfnisbefriedigung können Ausdruck von ADHS sein.
Eine psychologische Diagnostik ist wichtig, um Klarheit zu schaffen – nicht um zu stigmatisieren, sondern um zu verstehen. Denn hinter dem auffälligen Verhalten steckt kein böser Wille, sondern ein Kind, das Unterstützung braucht, um mit seiner Wahrnehmung, seinen Gefühlen und den Anforderungen der Welt besser umgehen zu lernen. ADHS zu erkennen bedeutet, den Weg für Verständnis, individuelle Förderung und Entlastung zu ebnen – für das Kind und für sein Umfeld.


